Falls du dir jetzt gerade denkst, dass die Überschrift „TVöD – Kann man davon leben?“ schon etwas reißerisch und provokativ daherkommt, gebe ich dir absolut Recht. Ich habe dabei eine bewusste Zuspitzung des Sachverhalts verwendet, um die zugrunde liegende Thematik noch deutlicher herüber zu bringen. Und nebenbei gesagt: Das Gehalt aus dem TVöD ist für viele tatsächlich zum Leben zu wenig.

Doch gehen wir einen Schritt zurück und klären erst einmal, was überhaupt hinter dem TVöD steckt. Am 01.10.2005 war es soweit, der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (kurz TVöD) trat in Kraft. Es gibt mehrere Branchen, für die ein jeweils leicht modifizierter Tarifvertrag vorliegt (z.B. für die Verwaltung, Krankenhäuser, Sparkassen, Pflege- und Betreuungseinrichtungen, Flughäfen, Entsorgung). Insbesondere im Hinblick auf das Gehalt unterscheiden sie sich allerdings nicht nennenswert. Im Folgenden möchte ich anhand einiger fiktiver Personen die jeweiligen Gehälter näher erläutern.

Erster Fall: Abgeschlossene Ausbildung

Sehen wir uns zum Beispiel Anna Maier näher an. Sie ist 23 Jahre alt, hat ihre dreijährige kaufmännische Ausbildung vor zwei Jahren abgeschlossen und arbeitet seitdem in der Verwaltung. Für sie gilt also die durchgeschriebene Fassung des TVöD für den Bereich Verwaltung (TvöD-V). Dieser besteht, wie die anderen auch, aus 15 Entgeltgruppen und sechs (Erfahrungs-) Stufen. Erstere sind abhängig von der jeweiligen Position und die damit einhergehende Verantwortung. Letztere hängt von der Berufserfahrung (und Leistung) der jeweiligen Person ab. Anna Maier wird nach ihrer Ausbildung  in die Entgeltgruppe 5 mit der Erfahrungsstufe 2 übernommen.

„Die Entgeltgruppe 5 ist für Beschäftigte mit erfolgreich abgeschlossener Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf mit einer Ausbildungsdauer von mindestens drei Jahren und entsprechender Tätigkeit.“ (siehe VKA) Die Erfahrungsstufe 2 richtet sich an Personen, die bereits über ein Jahr Berufserfahrung verfügen. Eine vorhergehende Ausbildung wird im Normalfall in diesem Zusammenhang als solche angesehen. Dementsprechend handelt es sich hierbei um eine realitätsnahe Eingruppierung.

Das Gehalt

Doch was kommt nun dabei heraus? Wie viel Geld verdient Anna tatsächlich? Das sehen wir uns jetzt an.

  • Entgeltgruppe: E 5
  • Stufe: 2
  • Zusatzversorgung: keine
  • Arbeitszeit: 100%
  • Steuerklasse: 1

vgl. Öffentlicher-Dienst.info

Mit diesen realitätsnahen Annahmen ergibt sich ein Bruttogehalt von 2555,40 € pro Monat, wobei netto gerade einmal 1700,26 € übrig bleiben. Die Jahressonderzahlung in Höhe von 2031,80 € brutto macht dabei im Endeffekt auf Monatsebene netto auch keinen großen Unterschied.

Die Ausgaben

Nehmen wir an, die besagte Verwaltung befindet sich in bzw. in der Nähe einer Großstadt wie z.B. Hamburg. Der Medianwert liegt dort aktuell bei ca. 14,13 € / qm (Nettokaltmiete) bei einer Wohnungsgröße von bis bis 41 qm. Dabei habe ich mich dem Mietspiegel der Stadt Hamburg bedient.

Nehmen wir an, Anna führt wie etwa jeder zweite Hamburger einen Ein-Personenhaushalt und hat dabei eine kleine Zwei-Zimmer Wohnung mit 40 qm Grundfläche. Dafür zahlt Anna für die Nettokaltmiete 565,20 €. Doch damit ist das Thema Wohnung noch nicht abgeschlossen, an Nebenkosten werden für Strom, Wasser, Heizung, Internet, etc. noch einmal rund 150 € fällig. Sie kommt damit auf monatliche Fixkosten in Höhe von 715,20 € für die Wohnung. Ihr bleiben jetzt noch für sämtliche anderen Ausgaben wie Versicherungen, Kleidung, Lebensmittel, Freizeit, ÖPNV, Urlaub, uvm. lediglich 985,06 € übrig. Verständlicherweise reicht Anna das Geld oft nicht und ist immer noch auf die finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen. An Sparen oder größere Urlaube braucht sie gar nicht erst zu denken.

Zweiter Fall: Abgeschlossenes Studium

Sehen wir uns als zweiten Fall Patrick Schmidt näher an. Er ist 22 Jahre alt, schließt in Kürze sein duales Studium im Bereich IT bei einem Flughafen ab und sieht sich nun mögliche Jobs sowie deren dazugehörige Einstiegsgehälter näher an. Verwenden wir als Beispiel die Annahme, dass Patrick nach seinem Studium in der Entgeltgruppe 10 mit der Erfahrungsstufe 2 einsteigt.

Für diese Stufe wurde folgendes definiert: „Beschäftigte mit einschlägiger abgeschlossener Hochschulbildung (z. B. in der Fachrichtung Informatik) und entsprechender Tätigkeit sowie sonstige Beschäftigte, die aufgrund gleichwertiger Fähigkeiten und ihrer Erfahrungen entsprechende Tätigkeiten ausüben.“ (siehe VKA) Die Erfahrungsstufe 2 richtet sich an Personen, die bereits über ein Jahr Berufserfahrung verfügen. Eine vorhergehendes duales Studium wird im Normalfall in diesem Zusammenhang als solche angesehen. Dementsprechend handelt es sich hierbei um eine realitätsnahe Eingruppierung.

Das Gehalt

Doch was kommt nun bei heraus? Wie viel Geld verdient Patrick tatsächlich? Das sehen wir uns jetzt an.

  • Entgeltgruppe: E 10
  • Stufe: 2
  • Zusatzversorgung: keine
  • Arbeitszeit: 100%
  • Steuerklasse: 1

vgl. Öffentlicher-Dienst.info

Mit diesen realitätsnahen Annahmen ergibt sich ein Bruttogehalt von 3497,22 € pro Monat, wobei netto 2192,32 € übrig bleiben. Die Jahressonderzahlung in Höhe von 2457,85 € brutto macht dabei am Ende auf Monatsebene netto auch keinen großen Unterschied.

Die Ausgaben

Nehmen wir noch einmal an, der besagte Flughafen befindet sich in bzw. in der Nähe einer Großstadt wie z.B. München. Der Medianwert liegt dort aktuell bei ca. 16,67 € / qm (Nettokaltmiete) bei einer Wohnungsgröße von 40 bis 60 qm. Dabei habe ich mich dem Wohnungsmarktbarometer der Stadt München bedient.

Nehmen wir an, Patrick möchte gerne nach dem Studium mit seiner Freundin zusammenziehen und die beiden suchen deshalb eine Wohnung mit ca. 60 qm Wohnfläche. Dafür zahlen sie für die Nettokaltmiete 1000,20 €. Dazu kommen noch Nebenkosten für Strom, Wasser, Heizung, Internet, etc. in Höhe von rund 250 €. Gemeinsam kommen sie damit auf monatliche Fixkosten in Höhe von 1250,20 € für die Wohnung. Jeder, der sich in München schon einmal nach einer Wohnung in der Größenordnung umgeschaut hat, wird bestätigen können, dass diese Kosten eher noch am unteren Ende der Preisspanne anzusehen sind. Doch damit sind die Fixausgaben noch lange nicht abgeschlossen.

  • ÖPNV: 55,20 € p.P. / Monat
  • Lebensmittel: 328 € / Monat
  • Bekleidung und Schuhe: 250 € / Monat
  • Körperpflege und Gesundheitsausgaben: 150 € / Monat
  • Handy Verträge: 70 € / Monat
  • Gemeinsames Auto: 412 €

Hinweis: Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Genauigkeit, sondern soll vielmehr eine grobe Richtung aufzeigen.

Daraus ergeben sich feste monatliche Gesamtkosten in Höhe von 2570,60 €. Da sowohl Patrick als auch seine Freundin Vollzeit in die Arbeit gehen, teilen sich die beiden die Kosten partnerschaftlich. Daraus ergeben sich für Patrick monatliche Fixkosten in Höhe von 1285,30 €. Übrig bleiben ihm 907,02 €. Davon muss er (anteilig) sämtliche Kosten für Haushaltsgeräte, Inneneinrichtung, Freizeitgestaltung, Restaurantbesuche, Urlaube, etc. bestreiten. In den meisten Monaten ist an Sparen deshalb gar nicht erst zu denken.

Abschließende Worte

Bei der oben beschriebenen Situation gehe ich von zwei Vollverdienern mit abgeschlossenem Studium aus. Stell dir jetzt mal vor, dass ein Gehalt komplett/teilweise wegfällt und noch zusätzliche Kosten hinzukommen, wie es z.B. bei einer Schwangerschaft der Fall wäre. Um zu erkennen, welche Auswirkungen dies auf die finanzielle Situation der beiden haben würde, muss man wiederum nicht unbedingt studiert haben. 😉

Wir reden hier von (fiktiven) Personen, die es aber in der Realität zuhauf gibt. Gut ausgebildete und motivierte junge Menschen, die von ihren (öffentlichen) Arbeitgebern so schlecht bezahlt werden, dass sie bei einem Vollzeitjob nicht einmal auf finanziell eigenen Beinen stehen können. Wenn zu diesem großen Minuspunkt noch mangelnde Wertschätzung und uninteressante Aufgaben hinzukommen, ergibt das ein giftiges Gemisch, das schnell zu einer hohen Fluktuation von jungen und engagierten Arbeitnehmern führt. Insbesondere in Boomregionen wie München oder Hamburg haben nicht die scheidenden Arbeitnehmer das Problem einen (besseren) Job zu finden, sondern vielmehr das jeweilige Unternehmen wieder qualifiziertes Personal zu finden. Mittel- und langfristig wird das den Staat vor gewaltige Herausforderungen stellen, insbesondere wenn die älteren Arbeitnehmer nach und nach in den Ruhestand gehen. Ich finde, es ist höchste Zeit zum Umdenken!

Julian Kehrer

Mich begeistern digitale Innovationen, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Durch mein Wirtschaftsinformatik Studium, das sich jetzt bald dem Ende zu neigt, konnte ich bereits Know-How im Bereich Digitale Innovationen sammeln. Diese Erfahrung wird durch mehrere entsprechende Praxiseinsätze bei meinem dualen Studium-Unternehmenspartner, mehreren Kursen sowie meinem Engagement in der studentischen Gründerinitiative NEWEXIST e.V. ergänzt. Bereits in der Schulzeit interessierte ich mich für politische Themen und war vor allem davon fasziniert, welch großen Einfluss politische Entscheidungen auf unser alltägliches Leben haben. Da ich wenig von einer Einordnung in das links-rechts Schema halte, würde ich meine grundsätzliche Einstellung als menschlich bezeichnen. Daher kommt mein Fokus auf den „Mensch im Mittelpunkt“.